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Newsdetail
Jugendverschuldung - ein Abbild der Erwachsenenwelt |
(07.03.2007) |
| Damit sich junge Erwachsene nicht kopflos überschulden, wird Schuldenprävention bei Teenagern immer wichtiger. |
| Überall und jederzeit prasseln Konsumangebote gezielt auf Jugendliche ein. Wenn diese zugreifen, machen sie nur nach, was Erwachsene ihnen vorleben. Konsum auf Pump wird immer mehr die Norm, wo finanzieller Erfolg in der Gesellschaft höchste Priorität geniesst und teure Statussymbole über Kredite oder Kreditkarten im Handumdrehen erhältlich sind. Die eidgenössische Kommission für Jugendfragen schreibt in ihrer Medienmitteilung vom 3. November 2006: «Unsere Gesellschaft ist auf Konsum, Besitz und individuellem Erfolg aufgebaut: Darin haben Arme nur am Rande einen Platz, und werden als Verlierer abgestempelt.» Jugendliche sind in einem schwierigen Alter, oft haben sie Probleme mit ihrem Selbstbewusstsein, sie wollen geschätzt werden und dazu gehören. Das macht sie anfällig für die Verlockungen der Konsumwelt. Susanne Johannsen, Leiterin der Fachstelle für Schuldenfragen im Kanton Zürich, sagt: «Ich möchte die Jugendverschuldung nicht isoliert betrachten, schliesslich schaffen die Erwachsenen das Angebot und verdienen gut daran.» Von 1996 bis 2005 haben die Betreibungen in der Stadt Zürich um gut 41 Prozent zugenommen, auf rund 134 000 im Jahr 2005. Im Kanton betrug die Zunahme sogar fast 50 Prozent. Ein Drittel der Betreibungen betrifft dabei junge Erwachsene unter 30 Jahren. Das Thema Verschuldung beschäftigt viele Jugendliche. In den letzten Monaten war es Gegenstand diverser Maturarbeiten. In Zug hat die Kantonsschülerin Anusooya Sivaganesan ihre Maturarbeit zum Thema Jugendverschuldung verfasst und dafür 439 Schülerinnen und Schüler der 4. bis 6. Klassen der Kantonsschule Zug zu ihrem Konsumverhalten und ihrer Einstellung zu Schulden und Schuluniformen befragt. Jugendliche Konsumenten im Fokus «Im Themenbereich Marketing lernte ich, dass Jugendliche ein wichtiges demografisches Zielpublikum sind», sagt die Maturandin. «Es gibt so viele Angebote, die Jugendliche verführen können, speziell in der Elektronik- und Natelbranche.» Im Rahmen ihrer Arbeit bei einer sozialen Organisation habe sie miterlebt, welch gravierende Folgen unreflektierter Konsum haben kann. Als ein Jugendlicher mit seinem ersten Handy im ersten Monat Gebühren von 3000 Franken ansammelte, brachte das seine ganze Familie in existenzielle Not. Der Vater verdiente als Hilfsarbeiter nur gerade 3300 Franken monatlich. Die Maturandin hat zuvor die Sekundarschule besucht. Dabei hat sie einen grossen Unterschied im Konsumverhalten an den verschiedenen Schulen festgestellt. Ganz allgemein wird unterschieden zwischen demonstrativem Konsum, der Imponieren will, und kompensatorischen Konsum, der dazu dient, Minderwertigkeitsund Frustgefühle auszugleichen. In der Sekundarschule hat die junge Migrantin hauptsächlich kompensatorischen Konsum erlebt. Es gebe dort viel mehr Druck, die Kleider zu tragen, die gerade «in» sind, um dazuzugehören. Man müsse sich also verstärkt durch sein Äusseres profilieren. An der Kantonsschule hingegen sei hauptsächlich demonstrativer Konsum zu beobachten: «An der Kanti gibt es von Tussis bis zu Skatern alles, die ganze Bandbreite», sagt Anusooya Sivaganesan, «hier entscheidet vor allem die Leistung.» Sie hätte die Umfrage gerne auf die Berufsschule und unterprivilegierte Gruppen ausgedehnt, denn es ist ihr aus Fachartikeln bekannt, und mehr noch aus eigener Erfahrung bewusst, dass unterprivilegierte Familien dem Verschuldungsrisiko viel stärker ausgesetzt sind. Die Umfrage habe zwar ihre These bestätigt, dass Kantonsschüler auch Schulden haben, aber nur temporäre, weil die Eltern die Ausstände begleichen und die Angelegenheit mit ihren Kindern regeln. Auch die Schuldenberaterin Susanne Johannsen weiss, dass die Eltern von Lehrlingen und Mittelschülern die finanziellen Probleme nach einem Donnerwetter meist zusammen mit den Kindern in Ordnung bringen. «Etwas anderes sind die Jugendlichen, die aus sehr beengten finanziellen Verhältnissen stammen», sagt Susanne Johannsen. «Gerade diejenigen, die keine Berufsbildung machen können und keine Aufstiegsmöglichkeiten sehen, legen umso mehr Wert auf Marken und Statusgüter und beginnen unter Umständen völlig kopflos zu konsumieren, wann immer sich ihnen Gelegenheit bietet.» Der Zürcher Betreibungsbeamte Bruno Crestani hat festgestellt, dass die Eltern den Wettbewerb mit Markenartikeln umso intensiver mitmachen, je schwächer die soziale Schicht ist, aus der sie stammen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema innerhalb der Familie fehlt hier meist. Vermehrte Prävention und Wertediskussion auf Schulebene ist daher sehr wichtig - junge Menschen müssen sich darüber klar werden, dass der nachhaltige Umgang mit Geld eine Schlüsselkompetenz auf dem Weg in die Unabhängigkeit ist. Schuluniformen finden keine Gnade Anusooya Sivaganesan hat auch die Rolle von Schuluniformen bei der Schuldenprävention untersucht, mit interessanten Resultaten: 66 Prozent der Schüler sind gegen Schuluniformen, 22 dafür und 12 unentschieden. Die Gegner fürchten, die Uniform könnte die persönliche Freiheit einschränken. Zudem wurde die Wirksamkeit von Uniformen an sich bezweifelt und auf Kompensationsmöglichkeiten durch teure Accessoires hingewiesen. Auch wurde der Zusammenhang zwischen Markenkleidern und Verschuldung in Frage gestellt. Die Befürworter der Uniform nennen als wichtigsten Grund die Reduktion von Stress am Morgen, weil keine Zeit für die Auswahl von Kleidern benötigt wird. Bei den Pro-Argumenten ist also nicht der finanzielle Aspekt, sondern der praktische Nutzen zentral. Interessanterweise finden "nur" 13 Prozent der Kantonsschülerinnen und -schüler Schulden nicht so schlimm. Für sie sind Schulden in Ordnung, wenn Sie nicht zu hoch sind, wenn man sicher ist, dass man sie zurückzahlen kann und solange sie nicht zum Dauerzustand werden. Das dürft der heutigen Einstellung vieler Erwachsener und den Erwartungen der Kreditinstitute entsprechen. Immerhin lehnen total 76 Prozent der Befragten Schulden für sich selbst ab. Allerdings ist zu bemerken, dass die Befragten öfter aus höheren Schichten kommen. |
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