Wie viel Arbeitslosigkeit hat die Schweiz Ende Jahr? Ich fürchte, wir müssen im kommenden Winter mit einer Arbeitslosigkeit von über 160'000 Menschen, also einer Quote um die 4,5 Prozent rechnen.
Wo sehen Sie die grösste Gefahr lauern? Kurzfristig sehe ich das Risiko, dass der praktisch weltweit gleichzeitig stattfindende Abschwung sich nochmals stark beschleunigt. Bisher spürten wir vorab die Reaktionen auf den Einbruch an den Immobilienmärkten etwa bei den Bauinvestitionen. Gleichzeitig haben die Konsumenten das Vertrauen in die Wirtschaft verloren. Und bei den Unternehmen ist der Optimismus massiv zurückgegangen.
Investieren die Unternehmen 2009 weniger? Das Schlimmste wäre, wenn sie die Investitionen deutlich beschneiden. Das würde den Abschwung nochmals deutlich verschärfen, und wir hätten mehr als eine normale Rezession.
Wie wahrscheinlich ist das? Wir sind in einer prekären Lage. Der Auftragsrückgang bei Investitionsgütern war in den letzten Monaten abnormal scharf. In der Schwächephase, in der wir drinstecken wegen Problemen der Immobilienmärkte und der Bauwirtschaft und der Vertrauenskrise im Finanzsektor, hängt es stark vom Investitionsverhalten der Unternehmen ab, ob wir in eine Rezession abgleiten, die vielleicht noch schlimmer ist als die Anfang der Achtzigerjahre.
Wirken all die Konjunkturpakete nicht? Die Pakete, etwa in den USA und China, sind so gross, dass sie die Beschäftigung und das Konsumvertrauen stabilisieren werden. Es profitieren vorab Sektoren wie Bau und Autos, nicht aber Hochtechnologie oder Investitionsgüter für Asien.
Kann das Konjunkturpaket des Bundes die Rezession abfedern? Es löst Nachfrage aus. Es hilft, die Konjunktur zu stabilisieren.
Aber reicht das Paket des Bundes aus? Wofür? Eine Rezession verhindern kann es nicht. Aber wir würden auch so nicht in eine ganz schwere Rezession abgleiten, vorausgesetzt, der Franken wird nicht noch stärker.
Der Euro sackt beängstigend ab? Die Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro von gut 10 Prozent in einem halben Jahr ist nur schwer zu verkraften. Das kommt als belastender Faktor obendrauf. Sollte der Dollar auch noch abschmieren, dann dürfte die Rezession tiefer werden als manche prognostizieren.
Weil die Exporte leiden? Schwacher Euro und Dollar zeigen sich in rückläufigen Bestellungen. Sie belasten zudem die Margen der Exporteure, was die Investitionslust dämpft. Auf der anderen Seite wird die Schweiz stark profitieren von all den Ankurbelungsmassnahmen der Nachbarn, die Stabilisierung von deren Wirtschaft hilft auch uns.
Müssen in der Schweiz die Steuern sinken? Die Konsumentenstimmung ist sehr vorsichtig. Da läuft jede Steuersenkung Gefahr, dass grosse Teile einfach gespart werden. Wenn das Ziel sein sollte, die Nachfrage zu beleben, ist das kein sonderlich effizientes Mittel.
Also in die Hände spucken und mit viel Konsum die Konjunktur stützen? In Ländern wie der Schweiz, deren Privathaushalte gesund finanziert sind, kann man erwarten, dass der Konsum die Konjunktur stabilisiert. In den USA werden 72 Prozent des Volkseinkommens in den privaten Konsum gesteckt, in der Schweiz und Deutschland sind es um die 60 Prozent, das zeigt die Schieflage der USA.
Was ist Ihre Konjunkturprognose für 2009? Amerika wird den grössten Einbruch diesen Winter haben, die Wirtschaft aber bis Ende Jahr schrumpfen. Der Tiefpunkt der Nachfrage ? wichtig für unsere Exportindustrie ? ist erst Ende 2009 erreicht. Ähnlich ist es in Europa, wo die Krise zum Teil später begann. Die Immobilienkrise ist in Grossbritannien, Spanien, Frankreich, Italien, den Niederlanden und Irland deutlich schlimmer als in den USA, weil die Preise stärker gestiegen waren und die Bautätigkeit nun erheblich leidet. Wir müssen das ganze Jahr mit kräftigem Gegenwind aus Europa und den USA rechnen.
Wann kommt der Aufschwung? Er kommt frühestens im kommenden Jahr. Der Privatkonsum wird anziehen, dafür werden die staatlichen Ankurbelungsgelder zurückgehen. Was dafür spricht, dass die Aufschwungsbewegung sehr verhalten sein wird. Auch 2010 wird ein schweres Jahr sein. Wenn wir nächstes Jahr 1 Prozent wachsen, sind wir gut.
Was ist mit Asien, dem Wachstumsmarkt für unsere Exporte? Grösste Sorgen in Asien macht Japan. Im Rahmen des Schuldenabbaus wurden sehr viele Kredite in Yen zurückbezahlt. Der Yen hat gegenüber dem Euro, dem wichtigsten Wettbewerber im Exportgeschäft, in einem halben Jahr um 40 Prozent aufgewertet. Der Won von Konkurrent Korea fiel in dieser Zeit um 50 Prozent gegenüber dem Dollar. Das kann die japanische Industrie nicht verkraften. Japan ist immer noch die zweitgrösste Wirtschaftsnation. Die flaue Nachfrage aus Japan hat Folgen etwa für unsere Luxusindustrie.
Wie wird sich China entwickeln? Der China-Hype, der gerade am WEF gepflegt wurde, wird abflauen (lacht). Wir müssen uns darauf einstellen, dass China nach dieser Rezession nicht mehr mit 10 Prozent und mehr, sondern nur noch mit 6 oder 7 Prozent wachsen kann.
Schlechte Nachrichten für unsere Exporte? China als Land der Einkind-Familien hat ein ernstes demografisches Problem. Das Potenzial an billigen Arbeitskräften erschöpft sich längerfristig. Das hohe Wachstum vergangener Jahre konnte China nur erreichen, weil es die Investitionen immer weiter nach oben trieb. Das ist ausgereizt. Die selbst für Asien rekordhohe Investitionsquote dürfte zurückgehen, das ergibt dann deutlich tiefere Wachstumsraten.
Wird der Aufschwung von den USA oder neu von Asien ausgehen? Amerika bleibt noch einige Zeit die grösste Wirtschaftsnation der Welt. Aber China hat Deutschland überholt, ist nun nach Japan die Nummer drei. Wenn China mit 6 bis 7 Prozent wächst, auch im Binnenmarkt ? und auch das weiterhin wachsende Indien oben bleibt ?, ergibt das kräftige Impulse. Schon in den vergangenen Jahren haben die USA nur noch rund halb so viel zum Weltwachstum beigetragen wie Asien oder Europa.
Schweizer Firmen klagen, es sei sehr zäh, von Banken Kredite zu bekommen? Banken werden in der Rezession vorsichtiger. Die Statistiken der Nationalbank zeigen aber keine Kreditklemme. Die Ausleihungen wachsen, sowohl die Limiten als auch die Ausnutzung. Hier zeigt das schnelle Eingreifen der Nationalbank Wirkung. Schwieriger ist die Mittelbeschaffung für mittelgrosse Firmen, die nur knapp kapitalmarktfähig sind, und darum vermehrt um Kredite nachsuchten.
Wie sehen Sie die Börsenentwicklung? Fällt der Markt noch deutlich tiefer? Gemessen an der längerfristigen Gewinnkraft sind Unternehmen in vielen Märkten nicht mehr teuer, in einigen sogar günstig. In den nächsten Quartalen werden sich die Gewinnwarnungen häufen. In diesem Umfeld können Aktienmärkte nicht durchstarten, zumal die Zweifel im Finanzsektor bleiben. Das jähe Auf und Ab dürfte noch eine Weile anhalten.
Ziehen die Börsen vor der Konjunktur an? Es kann wie in den Achtzigerjahren sein, als die Rezession tiefer und länger war als gewöhnlich. Warum sollen Investoren in einem Umfeld, wo das Vertrauen der Konsumenten und Unternehmen auf einem historischen Tiefstand ist, mit Käufen den Aufschwung vorwegnehmen?
Gibt es Chancen in dieser Krise? Dass wir Prognostiker alle falsch liegen. Anders als früher kam der Einbruch nicht gestaffelt, sondern fast weltweit gleichzeitig in voller Härte. Es kann sein, dass wir diese Gleichzeitigkeit zu negativ bewerten, und der Aufschwung früher kommt oder kräftiger ausfällt als gedacht. Aber das wäre ja für die Betroffenen eine durchaus angenehme Überraschung.
Sind die Konjunkturpakete den Preis wert? Das ist eine politische Frage. Er ist jedenfalls hoch, und wir zahlen ihn über höhere Steuern oder mehr Inflation.
Kritiker sagen, auch die nächste Generation müsse noch die Rettungs- und Ankurbelungspakete abzahlen? Nehmen Sie die USA, die ihre Staatsverschuldung bis 2010 um 50 Prozent oder mehr erhöhen. Dabei ist die Zinslast schon jetzt sehr hoch. In den letzten Jahren haben sie zu vier, fünf Prozent Schulden gemacht. Heute haben sie kaum mehr Inflation, die Realzinsen sind also hoch. All das muss zurückgezahlt werden. Es ist eine Illusion zu glauben, man könne die Schulden immer noch höher aufstapeln. Es resultiert eine Umverteilung: Jene, die Vermögen haben, die Reichen und die Alten, werden über höhere Steuern oder Inflation zur Kasse gebeten.
Die einen warnen vor Deflation, die anderen vor Hyperinflation. Zu Recht? Wegen der schwachen Nachfrage werden wir bis 2010 sehr tiefe Inflationsraten haben. Man soll nicht von Deflation reden, bloss weil Konsumgüter billiger werden.
Aber der Preis für die Überwindung von Finanzkrise und Rezession ist mehr Inflation? Diese Gefahr ist wegen der stark wachsenden Staatsverschuldung längerfristig real. Helfen könnte ein starkes Wachstum mit entsprechend höherem Steueraufkommen, um die Verschuldung abzubauen. Aber das ist zurzeit nicht absehbar. Zeit heilt nicht alle Wunden, wie Politiker oft glauben.
Sehen Sie andere Gefahrenherde? Es fragt sich, ob wir nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Auslöser der Krise war, dass das Wachstum, aber auch der Konsum der letzten Jahre in vielen Ländern zu einem grossen Teil mit Krediten finanziert wurde. Jetzt bricht das weg, und die Staaten versuchen, mit Fiskalpolitik den Ausfall zu ersetzen.
Was ist daran schlecht? Es entstehen noch mehr Schulden. Das Unangenehme ist, dass ein Franken mehr Budgetdefizit nicht ein Franken mehr Nachfrage bringt. Steuererleichterungen an private Haushalte dürften im Sparstrumpf landen. Und es werden Investitionen gefördert, die ohnehin gemacht würden, wenn auch zeitlich etwas gestaffelter. Wir stabilisieren die Konjunktur, aber das eigentliche Problem der Überverschuldung verschlimmert sich noch.
Was ist zu tun? Es müsste die Einsicht reifen, dass wir über unsere Verhältnisse gelebt haben. Und eben nicht nur in den USA, sondern auch in Grossbritannien, in Spanien und Irland sowie in einer Reihe weiterer Länder in Europa und Asien. Wir sollten uns gewöhnen an eine Welt, die vielleicht auf einem tieferen Wohlstandsniveau lebt und auch langsamer wächst.
Quelle: Tages-Anzeiger |